Aufgeräumter Wegeplan – Navigation und Informationsarchitektur beim Relaunch

Navigation und Informationsarchitektur beim Relaunch: der unsichtbare Grundriss

Man kann eine Website mit einem Gebäude vergleichen. Das Design ist die Fassade, die Inhalte sind die Räume, und die Navigation ist der Grundriss, der bestimmt, ob man sich zurechtfindet oder verirrt. Eine schöne Fassade vor einem verwinkelten Grundriss hilft niemandem. Genau hier scheitern viele Relaunches: Sie investieren in die Fassade und vernachlässigen den Grundriss. Das Fachwort dafür ist Informationsarchitektur, die Kunst, Inhalte so zu ordnen, zu strukturieren und zu beschriften, dass Menschen finden, was sie suchen. Dieser Beitrag zeigt, warum sie über Erfolg oder Misserfolg entscheidet und wie man sie beim Relaunch richtig angeht, gestützt auf die Forschung der Nielsen Norman Group. Wie Benutzerfreundlichkeit insgesamt zusammenhängt, lesen Sie im Beitrag Usability beim Relaunch.

Was Informationsarchitektur bedeutet

Informationsarchitektur klingt akademisch, meint aber etwas sehr Praktisches: wie die Inhalte einer Website gegliedert sind, in welche Bereiche sie fallen, wie sie zusammenhängen und wie die Wege dorthin heißen. Die Nielsen Norman Group fasst es über drei Tätigkeiten: Inhalte organisieren, strukturieren und beschriften. Eine gute Architektur ist unsichtbar, man bemerkt sie nicht, weil alles dort liegt, wo man es vermutet. Eine schlechte fällt ständig auf, weil man suchen muss. Der Unterschied entscheidet darüber, ob ein Besucher in zehn Sekunden zum Ziel kommt oder nach einer Minute entnervt aufgibt.

Die Struktur kommt vor dem Design

Der häufigste Fehler beim Relaunch ist die Reihenfolge: erst das Aussehen, dann notdürftig die Struktur hineingezwängt. Richtig ist das Gegenteil. Bevor eine einzige Farbe gewählt wird, steht die Frage, welche Inhalte es gibt, wie sie sich gruppieren und wie ein Besucher von der Startseite zu jedem wichtigen Ziel gelangt. Erst wenn dieser Grundriss steht, kann das Design ihn schön kleiden. Ein Design, das vor der Struktur entsteht, presst die Inhalte später in eine Form, die ihnen nicht passt, und das merkt der Besucher an jedem Klick, der ins Leere oder in die Irre führt.

Ordnen nach dem Nutzer, nicht nach dem Organigramm

Unternehmen neigen dazu, ihre Website nach der eigenen inneren Ordnung zu gliedern, nach Abteilungen, nach internen Begriffen, nach der Art, wie man selbst denkt. Für Besucher ist diese Ordnung oft unbrauchbar, weil sie das Unternehmen nicht von innen kennen. Sie suchen nach ihrem Problem, nicht nach Ihrer Abteilung. Eine gute Informationsarchitektur dreht die Perspektive um: Sie ordnet die Inhalte so, wie der Besucher sie erwartet, und benennt sie mit seinen Worten. Das erfordert die unbequeme Bereitschaft, die eigene Innensicht zurückzustellen, und ist genau deshalb so wirksam.

Beschriftungen, die jeder versteht

Die besten Inhalte nützen nichts, wenn der Weg dorthin missverständlich beschriftet ist. Menünamen sind keine Gelegenheit für Kreativität, sondern Wegweiser. Sie sollten so heißen, dass jeder Besucher beim ersten Blick weiß, was ihn erwartet. Die Forschung spricht hier von „information scent", der Spur, der ein Nutzer folgt: Verspricht der Menüpunkt das, was ich suche? Ist die Spur stark, klickt der Besucher zielsicher. Ist sie schwach oder falsch, irrt er umher oder springt ab. Klare, vertraute Beschriftungen sind deshalb kein Mangel an Originalität, sondern ein Dienst am Besucher.

Wie tief darf eine Seite sein?

Eine hartnäckige Faustregel besagt, alles müsse in drei Klicks erreichbar sein. Die Nielsen Norman Group hat diese Regel als Mythos entlarvt: Nicht die Zahl der Klicks entscheidet über Frust, sondern ob jeder Klick den Besucher sicher näher ans Ziel bringt. Drei verwirrende Klicks sind schlimmer als fünf klare. Wichtiger als eine möglichst flache Struktur ist also, dass die Spur an jedem Schritt eindeutig ist. Gleichwohl gilt: Eine zu tief verschachtelte Struktur erschwert die Orientierung, eine zu breite überfordert mit zu vielen Optionen auf einmal. Die richtige Balance hängt von der Menge und Art der Inhalte ab, sie ist eine Abwägung, kein starres Gesetz.

Die Navigation prüfen, bevor sie steht

Wie bei der Usability gilt: Man muss nicht raten, man kann prüfen. Für die Informationsarchitektur gibt es bewährte, einfache Methoden. Beim sogenannten Card Sorting bittet man einige Menschen, Inhalte in Gruppen zu ordnen, die für sie Sinn ergeben, so erfährt man, wie Besucher die Welt gliedern, statt es zu erraten. Beim Tree Testing prüft man umgekehrt, ob Menschen in einer vorgeschlagenen Struktur die gesuchten Inhalte finden. Beide Methoden brauchen weder viel Zeit noch große Gruppen und decken Denkfehler in der Struktur auf, bevor sie in Beton gegossen sind. Ein Relaunch, der seine Navigation vorher mit echten Menschen abgleicht, vermeidet den teuersten Fehler, eine Struktur, die nur für ihre Erfinder logisch ist.

Die besondere Herausforderung: Navigation auf dem Smartphone

Was am großen Bildschirm noch übersichtlich wirkt, wird auf dem Smartphone zur Geduldsprobe. Der Platz ist knapp, die Navigation verschwindet meist hinter einem Symbol, den drei Strichen, die fast jeder kennt. Das spart Platz, versteckt aber zugleich den Weg: Was nicht sichtbar ist, wird seltener genutzt. Gerade weil heute ein Großteil der Besucher über das Smartphone kommt, darf die mobile Navigation kein nachträglicher Kompromiss sein. Die wichtigsten Wege gehören dorthin, wo der Daumen sie erreicht, und die Struktur muss auch zusammengeklappt verständlich bleiben.

Das zwingt zu einer heilsamen Disziplin: Wenn auf dem kleinen Bildschirm nur wenige Punkte Platz haben, muss man sich entscheiden, was wirklich wichtig ist. Diese Entscheidung kommt am Ende auch der Variante für den großen Bildschirm zugute, denn sie zwingt zum Weglassen des Unwichtigen. Wer die Navigation vom Smartphone her denkt, baut fast automatisch eine klarere Struktur, ein Grund mehr, den Relaunch mobil zu beginnen, wie wir im Beitrag Mobile-First beim Relaunch ausführen.

Der Relaunch als Chance, Wildwuchs zu ordnen

Fast jede gewachsene Website hat über die Jahre Wildwuchs angesetzt: Seiten, die spontan dazukamen, Bereiche, die niemand mehr pflegt, doppelte Inhalte an verschiedenen Stellen. Der Relaunch ist die seltene Gelegenheit, diesen Wildwuchs zu lichten und die Struktur neu und klar zu denken. Das ist anstrengender als das bloße Übertragen des Bestehenden, aber es ist der eigentliche Gewinn eines Relaunches, eine Seite, die nicht nur frischer aussieht, sondern endlich wieder Ordnung hat. Welche Inhalte überhaupt bleiben sollten, klärt der vorgelagerte Schritt im Beitrag Content-Audit vor dem Relaunch.

Klare Struktur hilft auch der Suchmaschine

Eine durchdachte Informationsarchitektur nützt nicht nur den Besuchern, sondern auch den Suchmaschinen. Sie folgen den Verweisen von Seite zu Seite und verstehen anhand der Struktur, welche Inhalte zusammengehören und welche besonders wichtig sind. Eine klare Hierarchie, sprechende Adressen und eine saubere interne Verlinkung helfen ihnen, die Seite vollständig zu erfassen und richtig einzuordnen. Gute Architektur ist damit zugleich gute Grundlage für die Auffindbarkeit, was beim Umzug zu beachten ist, damit diese Struktur nicht verloren geht, zeigt der Beitrag Rankings beim Relaunch retten.

Was das für Sie heißt

Die Informationsarchitektur ist der Grundriss Ihrer Website, unsichtbar, wenn sie gut ist, und ständig im Weg, wenn sie schlecht ist. Sie entsteht nicht beim Gestalten, sondern davor, aus der Frage, wie Besucher denken und suchen. Wir beginnen einen Relaunch deshalb nicht mit Farben, sondern mit Struktur: ordnen, gruppieren, beschriften, prüfen. Das ist die unscheinbarste Phase eines Projekts und zugleich die, die am meisten darüber entscheidet, ob die fertige Seite leicht oder mühsam zu benutzen ist. Eine schöne Fassade bekommt man immer hin, der Grundriss dahinter ist die eigentliche Arbeit.

Sie wollen eine Struktur, die Besucher finden lässt? Wir denken den Aufbau vom Nutzer her, so arbeiten wir.

Häufige Fragen

Was ist Informationsarchitektur?

Die Art, wie die Inhalte einer Website gegliedert, strukturiert und beschriftet sind, der Grundriss, der bestimmt, ob Besucher finden, was sie suchen. Die Nielsen Norman Group fasst sie über drei Tätigkeiten: Inhalte organisieren, strukturieren und beschriften.

Stimmt die 3-Klick-Regel?

Nein, sie ist ein Mythos. Nicht die Zahl der Klicks entscheidet über Frust, sondern ob jeder Klick den Besucher sicher näher ans Ziel bringt. Drei verwirrende Klicks sind schlimmer als fünf klare. Wichtiger als eine flache Struktur ist eine eindeutige Spur an jedem Schritt.

Wie sollte ich meine Inhalte gliedern?

Nach dem Nutzer, nicht nach dem eigenen Organigramm. Besucher kennen Ihre internen Abteilungen nicht, sie suchen nach ihrem Problem. Eine gute Architektur ordnet Inhalte so, wie der Besucher sie erwartet, und benennt sie mit seinen Worten.

Wie kann ich die Navigation vor dem Go-Live prüfen?

Mit einfachen Methoden: Beim Card Sorting ordnen einige Menschen Inhalte in für sie sinnvolle Gruppen. Beim Tree Testing prüft man, ob Menschen in der vorgeschlagenen Struktur die gesuchten Inhalte finden. Beide brauchen weder viel Zeit noch große Gruppen.

Warum nicht einfach die alte Struktur übernehmen?

Weil fast jede gewachsene Seite Wildwuchs angesetzt hat, spontane Seiten, ungepflegte Bereiche, doppelte Inhalte. Der Relaunch ist die Gelegenheit, das zu lichten und die Struktur klar neu zu denken. Das ist die eigentliche Arbeit und der eigentliche Gewinn.

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