
Frustriert von KI — das hat seine Gründe
Ein Geschäftsführer erzählte neulich, wie er seine Website in zwei Wochen selbst gebaut hatte — mit einem KI-Werkzeug, an ein paar Abenden nach Feierabend. Am Anfang war er begeistert, und das aus gutem Grund: Er beschrieb in normalen Sätzen, was er wollte, und auf dem Bildschirm erschien etwas, das aussah wie eine fertige Seite. In der dritten Woche kippte die Stimmung. Die Seite ließ sich nicht so erweitern, wie er es inzwischen brauchte, eine Änderung an einer Stelle beschädigte unbemerkt etwas an einer anderen, und auf die Frage, warum die Seite eigentlich so aufgebaut war und nicht anders, fand er keine Antwort mehr. Was als Abkürzung begonnen hatte, war zu einer Sackgasse geworden, deren Ausgang er nicht kannte.
Diese Geschichte ist kein Argument gegen KI-Werkzeuge — wir setzen sie selbst täglich ein. Sie ist auch kein Einzelfall, sondern folgt einem Muster, das sich erklären lässt, ohne in Kulturpessimismus zu verfallen. Wer in den vergangenen zwanzig Jahren ein paar Technologie-Wellen aus der Nähe erlebt hat, erkennt es wieder.
Warum man die meisten Dinge mehrfach baut
Es gibt eine Faustregel unter Leuten, die viel bauen: Das erste Mal lernt man, worauf es ankommt, beim zweiten Mal korrigiert man die Fehler des ersten, und erst beim dritten Anlauf entsteht das, was von Anfang an gemeint war. Das gilt für ein Haus genauso wie für eine Software oder eben eine Website. Die ersten Versuche sind nicht verschwendet — sie sind der Weg, auf dem das Wissen entsteht, das den letzten Versuch trägt.
Ein KI-Werkzeug ändert an diesem Muster weniger, als es verspricht. Was es tatsächlich leistet, ist eine dramatische Verkürzung des ersten Anlaufs: Was früher Tage gekostet hat, steht in Stunden. Das ist ein echter Fortschritt, und es wäre töricht, ihn kleinzureden. Nur überspringt diese Beschleunigung nicht das Lernen, das in den weiteren Anläufen steckt. Wer zum ersten Mal eine Website baut, baut beim ersten Mal eine erste Website — unabhängig davon, wie schnell das Werkzeug arbeitet. Die Enttäuschung entsteht genau an der Nahtstelle, an der ein schnell erzeugter erster Entwurf mit der Erwartung zusammentrifft, schon das fertige Ergebnis zu sein.
Der Zugang ist für alle da, die Nutzung nicht
Es lohnt sich, einen Schritt zurückzutreten und zu fragen, was hier eigentlich neu ist. Vor zwanzig Jahren konnte plötzlich jeder googeln, und trotzdem entschied weiterhin das Wie über das Ergebnis. Wer eine Suchanfrage zu formulieren wusste, einschätzen konnte, welche Quelle trägt und welche in die Irre führt, und erkannte, wann ein Treffer eine Sackgasse ist, kam zu einem anderen Resultat als jemand, der dasselbe Eingabefeld bediente, ohne diese Übung zu haben. Der Zugang war für alle gleich; die kompetente Nutzung war es nie.
Bei den heutigen KI-Werkzeugen wiederholt sich derselbe Unterschied, nur mit anderem Werkzeug in der Hand. Jeder kann eine Anweisung eintippen, und etwas Brauchbares erscheint. Ob daraus etwas Tragfähiges wird, hängt aber davon ab, ob man weiß, was man eigentlich verlangt: Welche Aufgabe soll die Seite erfüllen, und für wen? Was passiert mit ihr, wenn in zwei Jahren ein neuer Geschäftsbereich dazukommt? Welche bequeme Entscheidung von heute wird in achtzehn Monaten zum Problem? Das Werkzeug beantwortet diese Fragen nicht. Es führt präzise aus, was man ihm gibt — und beliebig, wenn die Vorgabe beliebig war. Diese Erfahrung macht jeder schnell, der ernsthaft damit arbeitet: Der Unterschied zwischen einem brauchbaren und einem unbrauchbaren Ergebnis liegt selten im Werkzeug, sondern fast immer im Wissen darüber, was gebaut werden soll.
Dass dieser Unterschied real ist, lässt sich inzwischen nicht nur beobachten, sondern auch nachlesen. Die Nielsen Norman Group, eine der angesehensten Adressen für Nutzungsforschung, hat das Phänomen 2026 untersucht und einen Begriff dafür geprägt: Vibe Architects — Menschen, deren technische Fähigkeit ihrem technischen Wissen vorauseilt. Der Befund ist nüchtern und deckt sich mit dem, was wir in der Praxis sehen: Das intuitive Bauen mit KI ist keine Abkürzung um das eigentliche Können herum, sondern selbst die Übung, die Erfahrung verlangt. Selbst fortgeschrittene Nutzer beschrieben ihre Arbeit als Bewegung durch einen lückenhaften Nebel, in dem mal das eine, mal das andere kurz sichtbar wird — und die gebauten Systeme als nützliches Kartenhaus, dem mit der Zeit Verbindungen wegbrechen.
Eine Welle unter mehreren
Auch die Aufregung selbst hat ein Muster. Das Web hatte seine erste große Welle, als jeder eine Homepage haben wollte; dann kam das mobile Internet, und auf einmal musste alles auf einem kleinen Bildschirm funktionieren; dann verlagerte die Cloud den Betrieb weg vom Server im Nebenraum. Jede dieser Wellen verlief nach einem ähnlichen Bogen: zuerst eine Phase der Übertreibung, in der alles sofort und vollständig anders werden sollte, dann eine Ernüchterung, in der sich zeigte, was wirklich trägt, und schließlich eine ruhige Adaption, in der die Technik einen festen Platz fand — meist einen kleineren und nützlicheren, als die laute Anfangsphase versprochen hatte.
KI ist in dieser Reihe die jüngste, aber nicht die erste Welle. Das ist keine Geringschätzung: Die Cloud hat den Betrieb tatsächlich verändert, das mobile Web hat die Gestaltung tatsächlich umgekrempelt, und die heutigen Werkzeuge werden ihren bleibenden Platz finden. Nur kommt diese Veränderung erfahrungsgemäß weder in der Geschwindigkeit noch in der Form, die am Anfang behauptet wird. Eine ehrliche Einschränkung gehört dazu, und sie ist mir wichtiger als jede Prognose: Das hier ist keine Vorhersage der nächsten Welle. Niemand hat das iPhone kommen sehen, auch nicht diejenigen, die mit dem mobilen Web bereits vertraut waren. Das Muster erklärt, was bisher geschehen ist; es sagt nicht, was als Nächstes kommt.
Das Können steckt im Werkzeug, nicht daneben
Ein Bild hilft, den Kern zu fassen. Eine Maurerkelle ist ein einfaches Werkzeug; jeder kann sie in die Hand nehmen. Trotzdem sieht man einem Mauerwerk an, ob es jemand gesetzt hat, der das gelernt hat. Das Können steckt nicht in einem zweiten, geheimen Gerät neben der Kelle, sondern in der Hand, die sie führt — in tausend kleinen Entscheidungen, die der Zuschauer gar nicht bemerkt. Wer zusieht, hält es leicht für selbstverständlich; wer es selbst versucht, merkt schnell, wie viel er übersehen hat.
KI-Werkzeuge sind in dieser Hinsicht auf ehrliche Weise missverständlich. Sie liefern ein Ergebnis, das aussieht wie die Arbeit eines Profis, und sie verbergen dabei, wie viele Entscheidungen darin stecken — und welche nicht getroffen wurden. Eine Website, die in der Vorschau überzeugt, kann genau dort brechen, wo die Vorschau nicht hinreicht: bei der zwanzigsten Unterseite, beim nächsten größeren Update, bei der Anforderung, die ein halbes Jahr später dazukommt. Das Werkzeug zeigt zuverlässig den ersten Anlauf. Was es nicht zeigt, ist alles, was danach kommt — und gerade dort entscheidet sich, ob eine Seite über Jahre trägt oder nach Monaten zur Last wird.
Was daraus folgt — ohne Pauschalurteil
Wer mit einem KI-Werkzeug seine erste Website baut und dabei an einen Punkt der Frustration gerät, macht nichts falsch. Er erlebt schlicht den ersten Anlauf, so wie ihn jeder erlebt, der etwas zum ersten Mal baut. Die Enttäuschung ist kein Zeichen dafür, dass das Werkzeug schlecht wäre, sondern ein Hinweis darauf, dass der Sprung vom ersten Entwurf zum tragfähigen Ergebnis nicht im Werkzeug liegt, sondern im Wissen darüber, was eigentlich gebaut werden soll.
Ob sich der Eigenbau lohnt, hängt deshalb von der Aufgabe ab, und das ist keine Ausflucht, sondern die ehrlichste Antwort, die man geben kann. Für eine kleine, überschaubare Seite, die nicht viel leisten muss, ist ein KI-Werkzeug ein guter erster Anlauf — und manchmal reicht der erste Anlauf vollkommen aus. Sobald die Anforderungen wachsen, wächst allerdings auch der Abstand zwischen dem schnellen Entwurf und dem, was im Alltag wirklich trägt. An dieser Stelle stellt sich die nüchterne Frage, ob man die nächsten Anläufe selbst gehen möchte oder lieber jemanden hinzuzieht, der sie schon oft gegangen ist. Wer das für sich beantworten kann und bei der Sache bleibt, hat die KI weder über- noch unterschätzt — und das ist, bei aller Aufregung, schon ziemlich viel.
Quelle: Kate Moran, Sarah Gibbons — „Vibe Architects: Agentic Vibe Coders", Nielsen Norman Group, Juni 2026.



